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Algorithmen, die unsere Persönlichkeit kennen? Ja, das gibt's! Im Teil 1 dieser satirisch-komischen aber nicht minder der Aufklärung verpflichteten Kolumne geht es um die "Big 5" – fünf Persönlichkeits-Dimensionen, nach denen unser Internet-Verhalten analysiert wird.


von Strigalt von Entf*

Strigalt von Entf

Liebe Leserinnen und Leser, Sie lauern sicher schon gierig auf das Objekt unseres heutigen intellektuellen Abenteuers. Es darf für Sie natürlich nur etwas ganz Besonderes sein, denn wer bisher Strigalt las, dem gefällt auch …

Nun, was gefällt Ihnen wohl? Das könnte uns ein Algorithmus wohl verraten. Vermeintlich. Denn der Algorithmus kennt uns nicht (mehr dazu hier und hier), er berechnet lediglich Wahrscheinlichkeiten basierend auf unserem und anderer Leute Nutzungsverhalten – und das völlig undifferenziert. Sie haben sich „The Boys“ angesehen? Wer das tat, sah dann auch … Eine Sache blendet der Algorithmus dabei aber völlig aus: Warum habe ich das Superheldengesellschaftskritikmetzelsoftpornoblutspritzpolitspektakel eigentlich angeschaut? Was gefiel mir daran?

Wenn ich mich durch den exzessiven Gebrauch an Kunstblut, die grazil herumfliegenden Körperorgane und die auf mannigfaltige Art explodierenden Köpfe gut unterhalten fühle, böten sich in der Folge wohl völlig andere Serienempfehlungen (oder sogar das Homevideo der Geburt der eigenen Kinder – aber das ist ein anderes Thema) an, als wenn es der ironisch-kritische Blick auf den Leviathan des allmächtigen Kapitalismus war, der mich in den Bann zog.

Ich sehe, Sie stutzen, warum Ihr Strigalt ausgerechnet diesem Actionspektakel verfallen ist? Nun, keine Sorge, all das oben Genannte lasse ich eher über mich ergehen, um der Verarbeitung des Gottkomplexes, des psychologischen Machtmotivs, aber auch den niederen Trieben des (Über-)Menschen in dieser kreativen Verarbeitungsform zu folgen.

Tja, Sie sehen, hochgeschätzte Gedankengefährt*innen, ein Algorithmus hat es gar nicht so einfach. Verzagen Sie aber nicht, denn das Licht der Hoffnung bricht sich bereits am Horizont strahlend Bahn über die düstere Landschaft der Oberflächlichkeit. Expert*innen wollen dem Rechenmodell nun auch beibringen, unsere Persönlichkeit in den Blick zu nehmen. So kann es besser einschätzen, was zu Ihnen passt. Eingesetzt wird dies bereits von Online-Kaufhäusern, die damit versuchen, ihren Tand noch passgenauer an die Kundschaft zu bringen. Dabei verlässt man sich auf das in der Welt der Psychologie allgemein anerkannte Modell der „Big 5“ – fünf Dimensionen der Persönlichkeit, die wohl kulturübergreifend identifizierbar sein sollen:

1. Offenheit

Sie sind in einem fernen Land, jemand kredenzt Ihnen freudig lächelnd eine Schale unbekannten Materials, welche ein erstaunliches Gericht beinhaltet, das Sie noch nie zuvor gesehen haben – selbst die Zutaten sind Ihnen weitgehend unbekannt. Überwiegen bei Ihnen in dieser Situation naturgemäss die Neugierde und die Freude, die Verkostung eines so wunderbar exotischen Mahls in Ihren sowieso reichhaltigen Erfahrungsschatz aufzunehmen? Dann erreichen Sie auf dieser Skala vermutlich einen hohen Wert. Wenn Sie stattdessen typischerweise in solchen Situationen dezent nachfragen, ob es nicht womöglich auch ein Wiener Schnitzel – wenn es sein muss auch ein Schnitzel Wiener Art – gäbe, dann fällt Ihr Score womöglich überschaubar aus.

2. Gewissenhaftigkeit

Sie haben heute gewohnheitsmässig alles erledigt, was auf Ihrer To-do-Liste steht, inklusive eine To-do-Liste zu schreiben, bevor Sie sich genussvoll der heutigen Strigalt-Kolumne widmen, die Sie feinsäuberlich ausdrucken, ausschneiden und mit exakten Randabständen in Ihr Album der bewahrenswerten Gedanken kleben? So würden Psycholog*innen Sie vermutlich als sehr gewissenhaft einschätzen. Wenn Sie hingegen am späten Vormittag erst mit der täglichen Prokrastination beginnen und diesen feinen Artikel … sagen wir … frühestens im Mai 2024 lesen, weil Sie es trotz besten Willens bislang immer aufgeschoben haben, dann wären Sie wohl eher am anderen Ende dieser Skala.

Wie KI die Persönlichkeitsmerkmale deiner Kund*innen erkennt

Um Kundinnen und Kunden online personalisiert anzusprechen und ihnen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Produkte und Dienstleistungen anzubieten, setzen viele Unternehmen vor allem auf demografische Daten wie Alter, Geschlecht oder Einkommen. Wichtige Merkmale wie Charaktereigenschaften oder persönliche Wertvorstellungen werden dabei allerdings ausgeklammert.   

Mithilfe KI-gestützter Psychometrie lassen sich auch diese Merkmale deuten, um online ein vielfach personalisierteres Einkaufserlebnis für Kund*innen zu schaffen. Wie das geht erfährst du im "Sparx"-Talk von Kathrin Schwan, Managing Director bei Accenture, und Sarah Boecker, Data Science Manager bei Accenture. Jetzt das Video ansehen!

3. Extraversion

Sie blühen in Gesellschaft auf wie der Lebemann Giacomo Casanova, saugen das soziale Leben ein, als wäre es der göttliche Nektar Ambrosia? Sie finden so schnell Freunde, dass der Xylophonsatz des Hummelfluges von Rimski-Korsakoff dagegen wie ein schläfriges Largo wirkt? Offensichtlich: Sie sind eher extravertiert. Wenn Sie hingegen bei der Lektüre von Süskinds „Das Parfum“ Jean-Baptiste Grenouille vor allem darum beneidet haben, monatelang in einer Höhle fernab der Menschheit zu leben, so sind Sie wohl als „introvertiert“ zu bezeichnen.

4. Verträglichkeit

Das mache ich mal sehr plakativ: Begegnen Sie dem Schiedsrichter eher wie Roger Federer? Oder eher wie Björn Borg?

5. Neurotizismus

Wenn Sie zum Neurotizismus neigen, so sind Sie … wie formuliere ich das, ohne Ihnen zu nahe zu treten … Sie haben wohl sehr feine Antennen und reagieren wiederum sehr … intensiv und … emotional sehr engagiert auf teilweise auch kleine Ereignisse. Wären Sie eine Gottheit, sie würden es an Plagen und Katastrophen auch bei kleinsten Verfehlungen Ihrer Gläubigenschar nicht mangeln lassen. (Hinweis in eigener Sache: Sollten Sie eine neurotische Gottheit sein, möchte ich darauf hinweisen, dass ich dies in keinster Weise wertend meine, es steht Ihnen als Gottheit, gepriesen seien Sie!, selbstredend zu!). Ist Ihnen hingegen eine nahezu buddhistische Gleichmütigkeit zuteil – der hinterhältige Betrug Ihres geliebten Ehepartners vor Ihren Augen bringt Sie kaum mehr aus der Ruhe als ein Grauburgunder zum Wildbraten serviert (nun … geht schon mal!), so gelten Sie eher als emotional stabil.

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Psychologe und Bestseller-Autor Allan Guggenbühl erzählt im Interview, auf welche Weise neue Technologien uns Menschen nachhaltig verändern und warum er glaubt, dass wir durch sie früheren Generationen nicht zwingend in allen Bereichen überlegen sind. Jetzt lesen!

Ja, aber wie hilft all dies nun dem werten Algorithmus dabei, mir genau das, was ich schon immer brauchte, im Onlineshop zu präsentieren? Das, verehrte Leser*innen, darf ich Ihnen im zweiten Teil dieses analytischen Phoenixfluges verraten. Ebenso, warum es bei einem Online-Algorithmus nicht bleiben darf, wenn wir uns das Menschsein bewahren wollen.

Verehrt
Strigalt von Entf

Zum Format

*Unser Format "Feuill-IT-ong" entsteht in Zusammenarbeit mit den freien Autoren Tobias Lauterbach und Daniel Al-Kabbani, die mitunter für die Satire-Plattform "Der Postillon" engagiert sind. Sie berichten unter dem Pseudonym Strigalt von Entf über aktuelle Geschehnisse aus der Welt der Technologie - natürlich immer mit einem Augenzwinkern! ;-)

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