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Arbeiten im Jahr 2030 – von KI bis Metaverse

Du willst wissen, wie die Welt in 10 Jahren aussieht? Dann fragst du am besten Lars Thomsen, einen der weltweit führenden Zukunftsforscher. Mit uns sprach der aus Hamburg stammende Wahlzürcher über künstliche Intelligenz, Google LaMDA, das Metaverse und wie diese Entwicklungen unser künftiges Leben und Arbeiten verändern.

 

MIT LARS THOMSEN SPRACH ELIANE EISENRING

Herr Thomsen, Sie sind Zukunftsforscher. Wie weit in die Zukunft blicken Sie denn voraus?
Als Zukunftsforscher interessieren mich hauptsächlich die nächsten zehn Jahre. Das klingt zuerst einmal weit weg, ist aber eigentlich schnell erreicht, diese 520 Wochen – in dieser Einheit rechnen wir nämlich. Oft werde ich nach einer weiter entfernt liegenden Zukunft gefragt, etwa «Wie werden wir im Jahr 2050 arbeiten?», aber das ist erstens aufgrund der langen Zeitspanne nicht wirklich vorhersehbar und zweitens für viele Leute unwichtig – da sie dann gar nicht mehr arbeiten werden. In zehn Jahren hingegen sind die meisten von uns noch dabei.

Was ist Ihrer Meinung nach das Thema, das diese nächste Dekade am meisten prägen wird?
Das Thema, das mich schon seit einigen Jahren am stärksten umtreibt: Künstliche Intelligenz (KI). Ich bin der Meinung, dass wir es hier mit einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit zu tun haben – vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks oder der Dampfmaschine. Die Verbreitung von KI wird enorme Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben: Wenn man bedenkt, was diese Technologie in den kommenden zehn Jahren alles übernehmen könnte, müssen wir bald grundsätzlich neu definieren, was wir unter dem Begriff «Arbeit» persönlich und gesellschaftlich überhaupt verstehen.

Wie genau wird sich der Arbeitsmarkt denn verändern?
Bei vielen Tätigkeiten, für die Menschen heute angestellt sind, geht es hauptsächlich darum, immer wieder gleiche Routinen abzuarbeiten. In zehn Jahren können sehr viele davon mithilfe von KI wesentlich schneller, besser und günstiger erledigt werden. Das macht KI zu einem zweischneidigen Schwert – auf der einen Seite gibt es viele Menschen, die völlig überlastet sind mit Routineaufgaben und die deshalb nie dazu kommen, etwas Kreatives zu machen. Viele von denen würden sagen, «her mit der KI». Für Menschen jedoch, die einen Job haben, der aus Routinen besteht, birgt dieses Szenario ein enormes Potenzial für Angst vor Arbeitsplatzverlust.

Unternehmen haben zunehmend Mühe, Mitarbeitende zu finden, die in der Lage sind, ihre Produkte in einem globalen Wettbewerb um Innovation wettbewerbsfähig zu halten.

Verständlich. Schliesslich würde mit dieser neuen Art Arbeit ein völlig neues Anforderungsprofil für Arbeitnehmende definiert ...
Ja, genau. Und andere Trends stehen damit in Zusammenhang: Wir haben einen immer stärkeren Fachkräftemangel: Unternehmen haben zunehmend Mühe, Mitarbeitende zu finden, die mit ihrem Wissen, Talenten, Neugier und ihrer Kreativität in der Lage sind, das Unternehmen und seine Produkte in einem globalen Wettbewerb um Innovation nachhaltig wettbewerbsfähig zu halten. Darum geht es nämlich heutzutage: um die schnellste und effizienteste Umsetzung nutzbringender und kreativer Ideen.
Um in diesem Wettbewerb zu bestehen, dürfen Arbeitnehmende nicht den ganzen Tag mit unproduktiven Routinen belastet werden, die dem Unternehmen überhaupt nichts bringen – Abrechnungen machen zum Beispiel. Künstliche Intelligenz sollten wir als das ideale Werkzeug behandeln, diese Aufgaben zu übernehmen.

Apropos KI als Werkzeug behandeln – Googles LaMDA ist gerade gross im Gespräch: Eine KI, die ein Bewusstsein entwickelt haben soll. Was für eine Auswirkung hätte es auf die Businesswelt, wenn Unternehmen intelligente Systeme als Bewusstsein behandeln müssten?
Diese Frage diskutieren wir in unserer Firma «future matters» gerade rauf und runter. Der Dialog, der in diesem Zusammenhang zwischen Mensch und Maschine stattfand, ist extrem spannend. Man muss sich allerdings bewusst machen: Wir bekommen zwar den Eindruck, dass sich bei der KI ein Bewusstsein gebildet hat, aber am Ende ist es trotzdem eine Simulation und Imitation menschlicher Emotionen. Sie werden nach wie vor von einem digitalen neuronalen Netzwerk erzeugt, welches keine biologische oder gar körperliche Komponente besitzt. Man könnte es abschalten und zu einem späteren Zeitpunkt wieder hochfahren oder gar das Gelernte auf andere Computernetzwerke übertragen, was mit einem biologischen neuronalen Netzwerk wie dem menschlichen Gehirn nicht funktioniert.

Wie können Menschen und KI erfolgreich zusammenarbeiten?

Im Zusammenhang mit KI und der Zukunft unserer Arbeitswelt ist meist nur die Rede davon, wie KI die Aufgaben von Menschen übernimmt. Doch in vielen Berufen müssen Menschen künftig mit einer KI oder einer intelligenten Maschine gemeinsam eine Lösung finden.

Um das volle Potenzial dieser Zusammenarbeit auszuschöpfen, brauchen Arbeitnehmende bestimmte Fähigkeiten – welche das sind und wie man sie erfolrgeich entwickelt, erfährst du in diesem Artikel.

Wäre eine solche Abschaltung nicht trotzdem unethisch – auch wenn es sich «nur» um eine Simulation handelt?
Das ist eine legitime philosophische Frage, die uns in den kommenden Jahren noch oft beschäftigen dürfte. Ich interessiere mich allerdings eher dafür, was die Nutzbarkeit dieser Technologie für uns als Menschheit bedeuten könnte. Wir Menschen haben in unserer Kulturgeschichte unzählige Werkzeuge und Technologien entwicklelt, die unsere Arbeit einfacher machten und dadurch massgeblich unseren Fortschritt, unsere Kultur und unser Leben prägten. Allerdings bezog sich dies bislang vornehmlich auf mechanische Arbeit, Krafterzeugung, Prozesse und Algorithmen.

Ausserdem waren wir sehr lange auf uns allein gestellt und deshalb langsam, wenn es darum ging, selber zu lernen und Erfahrungen zu machen, diese zu reflektieren und dadurch schlauer zu werden. Mit der Zeit können wir Dinge, die wir früher gemacht aber nicht verstanden haben, einordnen. Und unser Streben im Leben ist eigentlich immer, diesen Zustand früher zu erreichen – also nicht erst mit 60 erst klüger zu sein, sondern vielleicht schon mit 35.

Bis 2025 werden wir mit allen möglichen Dingen in unserer Umgebung Dialoge führen – etwa mit unseren Häusern. Das Haus sagt dann z. B.: «Mir ist aufgefallen, dass du immer das Licht brennen lässt, wenn du rausgehst. Soll ich das jeweils für dich ausschalten? So sparen wir im Jahr rund 40 Franken Energie» – solche Dinge.

Wie könnte uns ein System wie Google LaMDA denn dabei helfen?
Stellen Sie sich vor, wir könnten unsere Lernfähigkeit mit einer künstlichen Intelligenz kombinieren – dafür verwende ich immer häufiger den Begriff «Augmented Intelligence» (erweiterte Intelligenz). Das könnte dann so aussehen, als hätten wir alle eine/n persönliche/n KI-Assistent*in, der/die uns schon seit der Schulzeit begleitet. Wenn man etwas nicht versteht, kann diese KI einem das so erklären, wie man es selbst am besten versteht. Diese KI würde einem auch helfen, Fehler, die man immer wieder macht, zu korrigieren. Wenn man sich z. B. fragt, warum einige Menschen abweisend zu einem sind, könnte einen die KI darauf hinweisen, woran das liegt und einen trainieren, besser zu kommunizieren. Oder die KI vermittelt in Beziehungsproblemen. Was wir als Gesellschaft und als Individuen damit machen könnten!

In welchem Zeitraum halten Sie eine solche Entwicklung für realistisch?
Eine gute Frage. In der Zukunftsforschung teilen wir die Etablierung einer technologischen Neuerung immer in mehrere Phasen ein. Momentan sind wir noch in der ersten Phase – wir haben Systeme wie Siri oder Google Assistant, mit denen wir gerade anfangen, im Dialog zu reden. Das ist schon einmal ein grosser Schritt – noch vor Kurzem haben wir ihnen bloss Befehle gegeben.

Wir gehen weiterhin davon aus, dass wir bis 2025 mit allen möglichen Dingen in unserer Umgebung Dialoge führen – mit unseren Smartphones, Autos, oder mit unseren Wohnungen und Häusern. Das Haus sagt dann z. B.: «Hey, mir ist aufgefallen, dass du immer das Licht brennen lässt, wenn du rausgehst. Soll ich das jeweils für dich ausschalten? So könnten wir im Jahr rund 40 Franken Energie sparen» – solche Dinge. In der zweiten Hälfte der 2020er Jahre werden wir anfangen, uns daran zu gewöhnen, dass unser PC nicht nur ein Gerät ist, auf dem wir Emails empfangen, sondern diese zum Grossteil auch für uns erledigen kann, Vorschläge macht, Termine koordiniert und durch unsere Interaktionen ähnlich lernt wie ein/e menschliche/r Assistent*in heute.

In dieser Phase werden wir viele Dinge neu regeln und verhandeln müssen, z. B. wer die Daten und die dort entstehende Intelligenz durch die Mustererkennung besitzt und nutzen darf. Sowohl Datenschutz als auch die Nutzbarkeit von Daten sind dabei wichtig – denn ein System, das meine Vorlieben und Gewohnheiten so gut kennt, ist natürlich ein El Dorado für jemanden, der/die mir Dinge verkaufen möchte. Gleichzeitig bildet es aber auch die Grundlage für eine nutzenstiftende erweiterte Intelligenz.

Viele sagen, diese Entwicklung wäre eine Katastrophe für unsere Gesellschaft. Ich sehe das etwas anders: Wenn wir keine KI hätten, die uns gewisse Tätigkeiten abnimmt, würden wir gar nicht dazu kommen, endlich unser Klima in den Griff zu bekommen oder unsere Energieversorgung zu revidieren.

Und dann kommt die Zeit, in der wir mit einer KI interagieren als wäre sie ein Mensch?
In der ersten Hälfte der 2030er Jahren wird KI den Grossteil der Aufgaben, die jetzt in weiten Teilen unserer Industrien von Menschen ausgeführt werden, übernehmen. Oft werden wir dann tatsächlich gar nicht mehr unterscheiden können, ob wir mit einer KI über ein Problem sprechen oder mit einem Menschen – Ansätze davon sieht man schon heute bei Chatbots und Callcentern. Das ist dann die grosse Transformation – und man fragt sich, was passiert mit dem Menschen?

Genau: Was passiert denn Ihrer Meinung nach mit dem Menschen?
Viele sagen, diese Entwicklung wäre eine absolute Katastrophe für unsere Gesellschaft. Ich persönlich sehe das etwas anders: Ich glaube, wir müssen uns künftig um viele Herausforderungen und Probleme kümmern und dabei neu definieren, wie wir diese Technologien einsetzen. Wenn wir keine KI hätten, die uns gewisse Tätigkeiten abnimmt, würden wir das gar nicht schaffen. Wir würden gar nicht dazu kommen, endlich unser Klima in den Griff zu bekommen, unsere Energieversorgung zu revidieren, unsere Mobilität und Ressourcen neu zu regeln, etc. Es gibt unzählige Bereiche, um die sich derzeit zu wenige Menschen kümmern können, weil sie damit beschäftigt sind, ihre Kostenabrechnung von letzter Woche zu machen.

Im allerbesten Fall passiert Folgendes: Wir nutzen diese KI, um unsere kreative Produktivität und Empathie besser zu nutzen als bisher. Voraussetzung dafür ist, dass wir die Gewinne, die durch den Einsatz künstlicher Intelligenz entstehen, gerecht verteilen. Es kann nicht sein, dass 1 Prozent der Menschheit enorm reich wird, weil diese KI einsetzen kann, und 99 Prozent darunter leiden, weil sie keinen Job mehr haben. Deshalb bin ich ein grosser Fan von so etwas wie einer digitalen Dividende – dass wir Teile der Produktivitätsgewinne, die durch den Einsatz von KI entstehen, den Menschen zurückgegeben, etwa in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens. Damit könnte man auch sozialen Spaltungen entgegenwirken, welche ein so einschneidender Umbruch wie dieser in der Vergangenheit oft nach sich zog.

Ein weiterer Tech-Trend, der ankündigt, die Gesellschaft umzukrempeln, ist das Metaverse ...
Das ist meiner Meinung nach gar keine besonders grosse Umkrempelung, sondern nur eine Erweiterung unserer Möglichkeiten. Die Arten, wie wir das Metaverse nutzen können, sind vielfältig. Im besten Fall nutzen wir es wiederum dazu, uns schneller schlauer zu machen. Etwa weil wir Dinge durch virtuelle Realität schneller begreifen, als wir es auf andere Weise könnten.

Noch mehr Insights in die Zukunft der Arbeitswelt:

Wie schaffen Unternehmen im digitalen Zeitalter einen echten Mehrwert?
Das erfährst du in David Hollembaeks Freundebuch-Eintrag.

Wie schafft es die IT-Branche diverser zu werden?
Annahita Esmailzadeh verrät es dir im Interview.

Wie hilft eine agile Denkweise deinem Unternehmen auch in Zukunft zu bestehen?
Agile Coach Danijel Dedic gibt Tipps.

 

Und das Metaverse als Arbeitsort? Wie vielversprechend ist diese Vision?
Tatsächlich haben wir in den letzten Jahren in diesem Bereich bereits ein grosses soziales Experiment durchgemacht – mit Covid, dem schnellen Wechsel zu Home-Office und der Teilvirtualisierung der Arbeitswelt. Was man in diesem Experiment vor allem gesehen hat, ist, dass der virtuelle Arbeitsraum den physischen nicht vollständig ersetzen kann.

Elon Musk sagte vor Kurzem, dass alle Mitarbeitenden wieder mindestens 40 Stunden pro Woche vor Ort in der Firma anwesend sein müssten, sonst drohe ihnen die Kündigung. Das gab einen riesigen Aufschrei. Viele schnell innovierende und dynamische Firmen halten es aber ähnlich: In deren Büros geht es zu wie in einem Bienenstock. Ein grosser Teil von Ideenfindung, Problemlösung und Kreativität lebt von der sozialen und unmittelbaren Interaktion zwischen Menschen.

Hinzu kommt das Gefühl, das wir für unsere Arbeitskolleg*innen haben: Wir alle haben ab und zu Phasen, in denen wir frustriert sind oder nicht weiter kommen. Das zu erkennen, ist viel einfacher, wenn man mal den Kopf ins andere Büro steckt als wenn man sich nur im virtuellen Raum trifft.

Wenn mich Unternehmen fragen, wie der Arbeitsplatz der Zukunft aussieht, dann sage ich, dass eine Firma in zehn Jahren eine Art Riesenabenteuerspielplatz sein wird.

Nichtsdestotrotz wird sich die Rolle des physischen Arbeitsplatzes verändern.
Definitiv. Wenn mich Unternehmen fragen, wie der Arbeitsplatz der Zukunft aussieht, dann sage ich, dass eine Firma in zehn Jahren eine Art Riesenabenteuerspielplatz sein wird, wo Teams zusammenkommen, man sich mit Kund*innen bespricht und mit Partner*innen oder Dienstleister*innen Dinge ins Rollen bringt. Phasen, in denen man sich ausruht, werden sich abwechseln mit Phasen, in denen man hochkonzentriert an einer Lösung arbeitet und auch mal streitet, bevor man schliesslich das erhebende Gefühl hat, gemeinsam eine Herausforderung gemeistert zu haben.

Bei all diesen Entwicklungen in der modernen Arbeitswelt – welche Eigenschaften müssen Arbeitnehmende künftig vorweisen können?
In den letzten hundert Jahren haben Arbeitgeber*innen eine grosse Menge Arbeitnehmer*innen gebraucht, die in der Produktionshalle und in den Büros das machen konnten, was die Maschinen (noch) nicht allein konnten, die schauten, dass die Maschinen funktionierten und die restlichen Prozesse in Form von Batch-Aufgaben abarbeiteten.

Im Gegensatz dazu kommen wir nun in eine Zeit hinein, in der verschiedene Persönlichkeiten, Talente und Fähigkeiten von Menschen zusammenspielen müssen, um vornehmlich Innovation und Kundenbindung zu schaffen. Ich glaube, das wurde bislang etwas unterschätzt. Jeder Mensch hat unzählige Fähigkeiten, verschiedene Formen von Empathie und Interessen. Bislang haben wir aber viel zu viele Menschen, die ausgebildet wurden nach dem Motto: «Das Einzige, was du jeden Tag machen musst, ist genau diese zehn Aufgaben abzuarbeiten oder diese drei Dinge zu kontrollieren, und wenn du damit fertig bist, kannst du nach Hause gehen.» So werden unglaublich viele von den Fähigkeiten, die Menschen eigentlich in sich tragen, in der Arbeitszeit gar nicht genutzt. In Zukunft wird jedoch jede Firma Menschen brauchen, die verstehen, was ihre Kund*innen wollen, die Konflikte lösen können, die Kreativität einbringen.

Meiner Meinung nach werden Unternehmen in Zukunft eher wie Wertegemeinschaften sein. Es wird darum gehen, wie ich in meinem Umfeld, mit meinen Mitmenschen etwas tun kann, das einen Wert hat – für mich, für meine Firma, für die Gesellschaft.

Die Rolle des Arbeitsplatzes wird sich also verändern, ebenso die Art der Arbeit, die Menschen machen und die Anforderungen, die sie erfüllen müssen. Was ist mit der Arbeitszeit?
In den nächsten zehn Jahren wird es vermehrt Firmen geben, die ganz andere Arbeitsmodelle haben, als wir das heute kennen. Zum Beispiel stellt sich die Frage, ob wir künftig noch die 40-Stunden-Woche brauchen. Für viele ist das ein ganz neuer Gedanke, aber eigentlich haben wir diese genaue Definition der Arbeitszeit noch gar nicht so lange – erst seit der Erfindung der Dampfmaschine. Als wir Maschinen einführten, die theoretisch 24 Stunden, 7 Tage die Woche durcharbeiten können, mussten wir definieren, wieviel Stunden an Arbeit wir einem Menschen zumuten wollen.

Hätte man einen Landwirt im 15. Jahrhundert gefragt, wieviele Stunden er pro Woche arbeitet, hätte der gesagt, «keine Ahnung, kommt darauf an. Im Winter weniger als im Sommer, wenn die Tage länger sind. Wenn die Kuh kalbt, arbeite ich auch nachts, wenn es nichts zu ernten gibt, mache ich andere Dinge zu Hause».

Man kann sich also fragen: Ist es sinnvoll, dass Menschen jeden Tag von 8:00 bis 17:00 an einem Schreibtisch sitzen und Zahlen in einen Computer eintippen? Oder würde es reichen, Aufgaben und Verantwortungen zuzuteilen, an denen Menschen dann arbeiten, aber nicht mehr die Zeit zu messen, wie lange sie das tun?

Heisst das, mal zu Ende gedacht, dass wir irgendwann gar nicht mehr arbeiten, bzw. kaum noch zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden können?
Ehrlich gesagt, mir fällt es heute schon schwer zu sagen, was wirklich Arbeit ist. Unser Interview jetzt – ist das Arbeit, oder mache ich es einfach, weil ich es spannend finde, und würde es auch an einem Samstagnachmittag machen?
Meiner Meinung nach werden Unternehmen in Zukunft eher wie Wertegemeinschaften sein, denen Menschen beitreten und in denen sich eine Gruppe findet, die ähnliche Werte hat und etwas zusammen erreichen will. Wir werden nicht mehr daran gemessen werden, wie viele Emails wir an einem Tag beantwortet haben, das kann nämlich eine KI übernehmen. Es wird darum gehen, wie ich in meinem Umfeld, mit meinen Mitmenschen etwas tun kann, das einen Wert hat – für mich, für meine Firma, für die Gesellschaft.

Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die Spaltung innerhalb der Wirtschaft in Innovatoren und Verharrer so stark sein wird, dass nur wenige der heutigen Firmen mit den neuen Bedingungen im internationalen Wettbewerb umgehen und überleben können.

Das klingt nach einer optimistischen Zukunftsvision. Gibt es aber auch Themen in Bezug auf KI, um die Sie sich als Zukunftsforscher Sorgen machen?
Die Gefahr, die im Moment da ist, ist, dass KI uns befähigt, individuell sehr viel schneller schlauer zu werden. Aber Big Data und Mustererkennung kann auch manipultiv genutzt werden, wie wir bereits schmerzhaft erfahren mussten. Daneben herrscht eine grosse Verunsicherung und viele latente Ängste in der Bevölkerung, was KI für uns alle bedeutet. Diese Angst bildet schon heute einen willkommenen Nährboden für extremistische und radikale Strömungen in der Politik und Gesellschaft.

Es kann also sein, dass wir in eine Phase kommen, in der es eine unglaublich grosse gesellschaftliche Spaltung gibt, zwischen denjenigen, die das Potenzial von KI sehen und progressiv damit umgehen wollen und anderen, die Angst schüren und den Fortschritt verhindern möchten. Das ist gefährlich, denn es spaltet und lähmt eine Gesellschaft, wenn nicht mehr mit Fakten argumentiert und gestritten wird, sondern mit aufgepeitschten Emotionen.

Die zweite Gefahr, die ich sehe, ist das Suchtpotenzial in Verbindung mit dem Metaverse. Dadurch könnte eine neue gesellschaftliche Subgruppe entstehen.

Und als Drittes besteht eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass die Spaltung innerhalb der Wirtschaft in Innovatoren und Verharrer so stark sein wird, dass nur wenige der heutigen Firmen mit den neuen Bedingungen im internationalen Wettbewerb umgehen und überleben können.

Wie können wir diese Herausforderungen angehen?
Leider habe ich den Eindruck, dass wir dieses wichtige Thema zur Zeit fast komplett totschweigen. Die Politik und die Medien sind derzeit nicht in der Lage, den Bürgerinnen und Bürgern eine echte Vision zu geben, wie wir mit diesen Themen umgehen und einen sehr wichtigen gesellschaftlichen Diskurs starten und etablieren können. Genau das wird aber nötig sein: Wir müssen in irgendeiner Form einen Konsens finden, wenn wir es nicht Meta oder Google überlassen wollen, die zukünftigen Rahmenbedingungen zu definieren.

Zur Person

Zukunftsforscher Lars Thomsen (*1968) gilt als einer der einflussreichsten Experten für die Zukunft der Energie, Mobilität und Künstlichen Intelligenz. Seine Organisation «future matters», die er 2001 gründete, berät Firmen, Institutionen und regierungsnahe Stellen bei der frühzeitigen Erkennung künftigen Chancen und Umbrüchen, die aus wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Trends entstehen. Zu Thomsens Kunden gehören mehr als 800 Unternehmen, u.a. aus den Bereichen Mobilität, Energiewirtschaft und Finanzindustrie. Lars Thomsen lebt mit seiner Familie am Zürichsee in der Schweiz.

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