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Online Magazin

«Adieu, IE!» – Ende eines Kulturguts

Key Visual Feuill-IT-ong

Unserem Kolumnisten und IT-Kenner Strigalt von Entf drängte sich für seinen ersten Beitrag in unserem Magazin ein trauriges Thema auf: Das baldige Ende des Internet Explorers. Wer den "IE" nur als veralteten Browser betrachtet, belehrt er jetzt eines Besseren ...


von Strigalt von Entf*

Strigalt von Entf

Liebe Leser*innen,

Es ist meine erste Kolumne, die ich an Sie richten darf – indes viel schmerzlicher könnte unsere initiale Begegnung nicht ausfallen, beklagen wir doch gemeinsam einen Abschied, der sich nahtlos einreiht in die ganz grossen Lebewohls des kollektiven Menschengedächtnisses: Adam und Eva, die aus dem Garten Eden vertrieben wurden; Orpheus, der seine Geliebte Eurydike nach beispiellosen Abenteuern dennoch im Hades zurücklassen musste; die Trennung von Nord- und Südkorea! Nein, ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Das Aus des Internet Explorers steht in dieser Liste nicht an letzter Stelle. Lassen Sie, Mitfühlende, Mitleidende, mich dies in niemals ausreichenden, aber hoffentlich treffenden Worten untermauern.

Exploro (Latein): Ich erkunde, ich entdecke, erforsche! Wahrlich, eine ganze Generation, ja im Prinzip die gesamte Menschheit entdeckte, erkannte, erforschte dank dieses Kleinods die neuen, unbekannten, die herausfordernden, mal auch ernüchternden, doch stets wachsenden Tiefen und Untiefen des World Wide Web. Sicherlich, andere Browser gab es zuvor. Wer aber war schon Mosaic, wer Netscape? Ja, sie mögen die ersten Weberkundungsprogramme gewesen sein. Gleichwohl: Auch Prometheus war nicht der Erfinder des Feuers, er brachte es aber den Menschen! Ebenso brachte der Explorer den Erdenbewohnern das Internet. Erinnern Sie – die betagteren unter den Leser*innen – sich nicht auch noch an die ersten Gehversuche in der neuen, digitalen Sphäre? Wer nahm Sie dabei an die Hand? Wer führte Sie sicher hinein und wieder zurück? Viele Erinnerungen sind daran geknüpft: das neuintellektuelle Flair der Internetcafés, unbeholfene Balzversuche in den aufkommenden Chat-Räumen eines hormonüberschüssigen Teenagers, erste Online-Schachpartien gegen Menschen aus aller Welt, meine erste Darmspiegelung. Viele dieser doch so prägenden Erfahrungen, die mir – und sicher auch vielen von Ihnen, liebe Leser*innen – zu Teil wurden, werden kommenden Vertretern der Spezies Mensch verwehrt.

Viele Erinnerungen sind daran geknüpft: das neuintellektuelle Flair der Internetcafés, unbeholfene Balzversuche in den aufkommenden Chat-Räumen eines hormonüberschüssigen Teenagers, erste Online-Schachpartien gegen Menschen aus aller Welt, meine erste Darmspiegelung.

Nun aber soll die Pioniergeneration des Webs entwurzelt werden. Unser ständiger Wegbegleiter wird abgeschafft, gestrichen, neudeutsch: gecanceled. Übrig bleiben die blitzenden und blinkenden Spielwiesen der sogenannten digital natives, high performende, fancy swipende high-order-security Bastionen mit unendlichen Optionen der Personalisierung, mehr als die eigene Persönlichkeit tatsächlich Facetten haben mag. Das Ich-Erlebnis steht im Mittelpunkt, mein eigener, ganz persönlicher Browser, den niemand sonst hat. Anders als der Explorer, der eine für alle, der, der bereits perfekt ist, so wie er ist, der, vor dem alle gleich sind. Einen stolzen Marktanteil von 99% hatte der Explorer im Jahr vor dem Milleniumswechsel. Wie wundervoll einig war die Welt, nahe der Traum von Frieden und Gleichheit und Brüderlichkeit! Zerstört nun durch eine radikale Aufsplittung beinahe religiöser Tragweite: „Sprich, wie hältst Du’s mit den Browsern?“ Unvereinbar, wer nicht auf gleicher Software surft. Der Faulheit und Unzulänglichkeit unzähliger Entwickler, die ihre Seiten trotz aller Warnungen nicht mehr an den IE angepasst haben, ist es zu verdanken, dass das Internet zu der Browseranarchie verkommen ist, in der wir heute leben müssen. Dabei trat das Internet an, Mauern zu durchbrechen, nicht neue hochzuziehen.

Dies bringt uns unweigerlich zu den stillen Vorzügen des Titans der Browserzunft: Gönnt uns der Internet Explorer schließlich das wichtigste Gut von allen: Zeit. In der Leistungsgesellschaft ist jede Sekunde Geld wert. Wir müssen schaffen, uns selbst optimieren, Wertschöpfung betreiben, Chinesisch lernen. HALT! Durchatmen. Entschleunigung. Nicht der schnellste Browser gewinnt, sondern der, der mir Gutes tut. Und dies tut das Flaggschiff aller Netzkoggen besser als alle anderen. So nehme ich mir gerne ab und an im hektischen Journalistenalltag die Zeit, meinen in anderen Bereichen durchaus geschätzten Kollegen beim Surfen über die Schulter zu schauen. Basierend auf langen und intensiven Beobachtungen kann ich gut behaupten, dass diese gefühlt die Hälfte ihrer Zeit mit dem Installieren von wöchentlichen Updates verbringen, welche dann zwangsläufig für wenige Minuten jegliche Produktivität verschlingen. Produktivität braucht gute Werkzeuge. Am besten ist ein Werkzeug, wenn es schnell zur Hand ist, zum Beispiel an einer Werkzeugleiste. Für die schicken, neumodischen Internetausflugsdampfer ist dies jedoch zu spießig: Egal ob AOL-Toolbar, Bing oder Yahoo, der Explorer brachte alle Werkzeuge in guter Sichtbarkeit aufs Tapet. Mein Browser ist mit so vielen Toolbars gerüstet, dass ich kaum noch Webseiten aufrufen muss, um am aktuellen Geschehen zu bleiben.

Dies bringt uns unweigerlich zu den stillen Vorzügen des Titans der Browserzunft: Gönnt uns der Internet Explorer schliesslich das wichtigste Gut von allen: Zeit.

Undenkbar in den auf spartanische Übersichtlichkeit geprägten Konkurrenzprogrammen, die sich zudem in ständiger Selbst-Neuerfindung überschlagen müssen. Wandelbarer als Madonna in ihrer Blütezeit bieten sie uns ständig ein Update nach dem nächsten an, uns ständig den Spiegel vorhaltend: „Wann hast Du eigentlich das letzte Mal einen neuen Entwicklungsschritt getan? Wann hast Du nennenswerte neue Fähigkeiten erlernt? Pass dich endlich meiner neuen Leistungsfähigkeit an!“ Der Explorer trägt nicht auf, er posiert nicht, er gibt nicht an. Er bleibt lange, wie er ist, voll zufrieden mit sich. Er ist die Konstante. Für mich. Für die Generation Gagarin des Internets. Bald ist damit Schluss. Zum scheinbaren Trost gibt es einen Nachfolger aus dem gleichen Hause. Allerdings mag es einem eher wie Hohn vorkommen, klingt der Name des Surrogats schon wie der Schmähruf des Schulhofschlägers, der einem gerade das Taschengeld abgeknöpft hat.

Am 15. Juni 2022 werde ich Schwarz tragen und sage leise „Lebe wohl und Danke!“

Herzlichst
Ihr
Strigalt von Entf

Zum Format

*Unser Format "Feuill-IT-ong" entsteht in Zusammenarbeit mit den freien Autoren Tobias Lauterbach und Daniel Al-Kabbani, die mitunter für die Satire-Plattform "Der Postillon" engagiert sind. Sie berichten unter dem Pseudonym Strigalt von Entf über aktuelle Geschehnisse aus der Welt der Technologie – natürlich immer mit einem Augenzwinkern! ;-)

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