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Jahresrückblick 2021: „Flieht, ihr Narren!“

Key Visual Feuill-IT-ong

Reden wir nicht drum herum, verehrte Mitreisende entlang des linearen Zeitstrahls: Das war nicht das bestmögliche Jahr.

von Strigalt von Entf*

Strigalt von Entf

Der eiserne Griff der Pandemie hält die Welt weiterhin am Schlafittchen. Die Menschen darben nach sozialen Kontakten, nach gesellschaftlichem Leben, nach Kultur. Kein Wunder, dass das Jahr geprägt war vom unterschwelligen Drang nach Flucht aus der tristen Realität. Symbolträchtig, dass zum Jahresende die von niemandem erwartete Fortsetzung des filmgewordenen platon’schen Höhlengleichnisses ins Kino kommt: Matrix Resurrections. Der erste (tatsächlich noch sehenswerte) Film der Reihe entführte uns in eine Dystopie, in der alles, was die Menschen zu erleben glauben, lediglich eine Computersimulation ist. Aus heutiger Sicht scheint diese Dystopie nahezu eine Utopie geworden zu sein. Leider bleibt festzustellen, dass die VR-Anwendungen in der realen Realität von den Möglichkeiten der Matrix noch meilenweit entfernt sind. Wen wundert es also, dass, wer es sich leisten kann, auf ganz analogem Wege versucht, dieser Realität zu entfliehen? Wer das nötige Kleingeld im Portemonnaie hat, gönnte sich einen Kurztrip in den Orbit des Planeten – aber auch dieses (für den Rest der Menschheit eher zweifelhafte) Vergnügen währte nur kurz, selbst die Reichsten der Reichen mussten am Ende wieder zurück.

Das Jahr 2021 war, wie schon weite Teile des Vorgängermodells, geprägt von Online-Konferenzen – immerhin eine Teilvirtualisierung der Realität. Nicht nur für die Arbeitswelt, auch für Privatpersonen, insbesondere Familien, ergibt sich dadurch eine Reihe von Vorteilen und Möglichkeiten (siehe meine Kolumne "Endlich professionelle Familien durch MS Teams"). Die standardmässige Aufzeichnung von Familienfeiern und -events der Familie von Entf mit all ihren Ästen und Verzweigungen hat mich auch weiterhin inspiriert. Die Datenmengen, die durch mitgeschnittene Hochzeiten, Geburtstage, Schultheateraufführungen, Abiturfeiern, Familienklatsch und -tratsch, aber auch anregende Debatten bei einem feinen Glas Château Le Moulin über Gesellschaft, Philosophie oder die schönen Künste entstanden, vervielfachten sich so flott wie Reiskörner auf dem Schachbrett des Sultans.

Dank der Cloud (Verweis auf das literarische Meisterstück "Durch die Wolke zu den Sternen") ist die für alle Familienmitglieder zugängliche Aufbewahrung der Datenmengen kein Problem. Doch wie will man all das gucken? „ENTFlix“ macht es möglich! Der von mir selbst exklusiv für Familienmitglieder aufgesetzte Streaming-Dienst sortiert nicht nur die Masse an Videos nach einschlägigen Kategorien. Er hilft auch dank sorgfältig komponierter Algorithmen (zu diesem Thema empfehle ich übrigens folgende Lektüre: Der (Algo-)rhythmus des Unbewussten Teil 1 & Teil 2 ) jedem von Entf dabei, schnell die Aufnahmen zu finden, die ihn auch wirklich interessieren. Tante Ottilie liebt die zweifelhaften Versuche der Grossnichten, Weihnachtslieder auf der Blockflöte zu intonieren. Dann wird sie der Osterauftritt des Mittelschulchors mit Neffe Wendelin sicher auch erfreuen. Oma Trude kann sich die bewegendsten Momente der Familienhochzeiten immer und immer wieder ansehen. Und dem guten Strigalt, das hat der Algorithmus schnell begriffen, braucht man mit den neuesten Familiengerüchten, wer sich was habe spritzen lassen, in welchen Betten sich Vetter Gernot des nachts herumtreiben soll, und welche Diät bei welcher Schwester wieder einmal eher das Gegenteil des Intendierten bewirkt habe, gar nicht erst zu kommen. Da, wo die intellektuelleren Mitglieder der von Entfs aber über die grossen Themen des Lebens debattieren, da wird der gute Strigalt gerne die Aufzeichnung geniessen.

Tante Ottilie liebt die zweifelhaften Versuche der Grossnichten, Weihnachtslieder auf der Blockflöte zu intonieren. Dann wird sie der Osterauftritt des Mittelschulchors mit Neffe Wendelin sicher auch erfreuen.

Ein bisschen der Realität ENTFliehen musste ich auch, als mir ein kleiner Fauxpas unterlief. Mein Neffe Kasimir ist ein Autonarr. Leider aber strafte er das ferngesteuerte Modell, das Onkel Strigalt ihm zum Geburtstag schenkte, wider jeglicher Erwartung mit Nichtbeachtung, als wäre es eine Warnung der Kassandra (Diese traurige Episode inspirierte mich unter anderem dazu, die revolutionäre Geschenke-App zu gestalten). Nun war die elektronisch gesteuerte Umsetzung des legendären Rolls Royce Silver Ghost zu hübsch, um einfach im Regal zu verstauben. Doch wo ein Strigalt, da auch ein Weg: Was man elektronisch steuern kann, kann man auch automatisiert steuern. Woran Google seit Jahren forscht, gelang – bei aller gebotener Bescheidenheit – mir an zwei Wochenenden: das autonom fahrende Automobil (mit diesem Thema habe ich mich intensiv auseinandergesetzt). Seither düst der zeitlose Klassiker selbstständig durch das Haus meiner Schwester – von Kasimir leider weiterhin ignoriert.

Das mag alles ja noch recht heiter klingen, aber eine Erinnerung an das vergangene Jahr zeigt deutlich, wie schwierig so manches gewesen ist. Technisch und psychologisch interessant, menschlich jedoch bedrückend mag folgende Begebenheit anmuten: Zu Beginn des letzten Jahres – die Corona-Vorsicht war besonders gross, die Kontakte rar – wusste ich oft nicht viel mit mir anzufangen. Auch das interessanteste Buch ist irgendwann ausgelesen, die Plattensammlung durchgehört, Gesprächspartner aus Fleisch und Blut fehlen. Der einzige Gesprächspartner, so schien es zeitweise, war der emsige Staubsaugerroboter, der täglich zwischen meinen Füssen hindurch flitzte. Was nun kommt, liebe Mitgefangene der gesamtpandemischen Lage, wirkt für mich selbst retrospektiv äusserst irritierend, doch damals, und ich schwöre, es hat sich genauso zugetragen, schien es mir wie die natürlichste Sache. Angetrieben von forscherischer Neugierde wollte ich wissen, ob der kleine Roboter, durchaus mit einer gewissen Lernfähigkeit ausgestattet, in der Lage ist, kleine Kunststückchen zu erlernen. So analysierte ich die Software, wie der quirlige Staubsauger Erfolge wahrnimmt und nutzte diese Erkenntnisse dazu, ihn in Kreisen und Achten fahren zu lassen, auf Kommando eine kleine Rampe zu erklimmen oder den Rumba-Grundschritt zu erlernen (erstaunlich, was Maschinen alles lernen können).

Angetrieben von forscherischer Neugierde wollte ich wissen, ob der kleine Roboter, durchaus mit einer gewissen Lernfähigkeit ausgestattet, in der Lage ist, kleine Kunststückchen zu erlernen.

Wenn ich nun beginne, in Erinnerungen zu schwelgen, könnte ich trotz der Merkwürdigkeit dieses Jahres 2021 noch so vieles anführen: Meine Kolumne über NFTs, die von gewissenlosen Digitalpiraten ohne mein Wissen als NFT verkauft wurde, mein vielleicht nicht ganz gelungener Versuch, die Quantität und vor allem Qualität der Gäste an meinem Geburtstag durch ausgefeilte Captchas in der Einladung zu regulieren (meine philosophische Abhandlung zu diesem Thema gibt es hier), oder der Versuch, die Kolumnen-KI deepgalt für personalisierte Weihnachtskarten zu verwenden (Tante Josefine, an dieser Stelle nochmal die Bitte um Entschuldigung. Dass Dir die 15 Kilo zusätzlich dieses Jahr hervorragend zu Gesicht stehen, war tatsächlich unglücklich formuliert!).

Allerdings ist es mit diesem Jahresrückblick ähnlich wie mit 2021: Vielleicht ist es gut, wenn er langsam ein Ende findet. Ich wünsche Ihnen, hochgeschätzte Jahreswechselnde, einen versöhnlichen Ausklang und ein hoffentlich gutes und gesundes 2022. Haben Sie denn Vorsätze? Wo wir gerade davon sprechen: Möglicherweise stehen beim "Feull-IT-ong" einige Neuerungen bevor. Was? Nun, das möchte ich noch nicht verraten. Seien Sie gespannt!

Verehrt Ihr Strigalt von Entf

Zum Format

*Unser Format "Feuill-IT-ong" entsteht in Zusammenarbeit mit den freien Autoren Tobias Lauterbach und Daniel Al-Kabbani, die mitunter für die Satire-Plattform "Der Postillon" engagiert sind. Sie berichten unter dem Pseudonym Strigalt von Entf über aktuelle Geschehnisse aus der Welt der Technologie - natürlich immer mit einem Augenzwinkern! ;-)

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