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Per IaaSpera ad astra: durch die Wolke zu den Sternen

Key Visual Feuill-IT-ong

"Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein", sang Reinhard Mey. Da wusste er wohl noch nicht, welche transhumanistischen Träume sich einst mit der Wolke, der Cloud, erfüllen lassen: Eine zeitlose Existenz losgelöst von irdischen Gefässen - solange wir sie nur erreichen können ...


von Strigalt von Entf*

Strigalt von Entf

Das ewige Leben, losgelöst vom fleischlichen, haptischen Gefängnis des Körpers, Unvergänglichkeit, Omnipräsenz: Das Paradies, wie es sich der gemeine Christ und ähnlich auch andere Glaubensangehörige vorstellen. Der Eingang zur transzendentalen Glückseligkeit wird gemeinhin malerisch auf einer Wolke dargestellt. „Pah, wie abgedroschen“, mag es Ihnen, geneigten Leser*innen entfahren. Mitnichten. Denn was für uns Menschen eine Frage des Glaubens sein mag, ist für unsere Daten schon längst Gewissheit: Die Cloud führt sie zur zeitlosen Existenz unabhängig von irdischen Gefässen.

Was, liebe zeitlich begrenzt Mitexistierende, sind schon Daten, fragen Sie sich? „Alles“, antworte ich. Was, so könnte ich entgegensetzen, ist denn der Mensch? Zugegeben, keine triviale Frage für eine kleine, wenngleich bedeutsame Kolumne wie diese, aber bitte: erstarren wir nicht aus Angst vor der Komplexität wie die Niobe vor dem Verlust ihrer Liebsten.

Sie sind Daten, ich bin Daten. Szenen aus unserem Leben, früher gespeichert in dem wulstigen, schwabbeligen Nervenbündel in unserem Kopf, später im Fotoalbum, schliesslich digital auf einer Festplatte, auf die nur wir Zugriff hatten. Aber nun: alles in der Cloud. Alter, Körpermaße, Zeugnisse, Lebensläufe, Netzwerk aller Freunde, Patientendaten, Terminkalender, Essgewohnheiten, Oma Ottilies streng geheimes Käsekuchenrezept. Alles da, alles vernetzt, alles gebündelt, alles für die Ewigkeit konserviert. Nichts wird vergessen, verschwindet in der Ramsch-Schublade unter 25 Werbeschlüsselanhängern und Gratiskugelschreibern oder wird beim Umzug in der alten Keksdose hinter dem Kamin liegen gelassen. Die regelmässige Abrechnung des Anbieters erinnert uns daran, wo wir unser Leben aufbewahren. Alles eben digital präsent in Form von Daten. Daten, die nicht mehr uns gehören, sondern der Cloud.

Sie sind Daten, ich bin Daten. Szenen aus unserem Leben, früher gespeichert in dem wulstigen, schwabbeligen Nervenbündel in unserem Kopf, später im Fotoalbum, schliesslich digital auf einer Festplatte, auf die nur wir Zugriff hatten. Aber nun: alles in der Cloud.

Halten wir nun einen Moment inne und betrachten, was wir da geschaffen haben. Eine virtuelle Ersatzrealität, die sich anschickt, die materielle Welt obsolet zu machen. Unsere einzige Verbindung zur neuen Welt: unser Account, Schlüssel zur Ewigkeit. Verlieren wir ihn, so stehen wir vor dem Fluss Styx, aber ohne die Münze, um die Überfahrt beim Fährmann zu bezahlen. So lange der Account existiert, sind wir ewig. Er macht unsere Daten, unsere Erinnerung, unsere Seele unsterblich, wie einer von Lord Voldemorts Horkruxen, die ihn auch nach seinem Tod weiter im Leben hielten. Ich kann aber nicht ins Leben zurückkehren. Brauchte es früher lediglich einen Schuhkarton, um den Hinterbliebenen alles Notwendige zu hinterlassen, bedarf es nun eher einer Art Patientenverfügung, ab wann meine Accounts abgeschaltet werden dürfen. Oder werde ich meine Accounts einfach vererben? Werden meine Kinder also mein digitales Leben einfach weiterleben? Schickt es sich vielleicht sogar an, einem Individuum, das im Leben weniger Glück hatte, meine gesammelten Errungenschaften einfach als großzügige Spende zu übertragen? Welch transhumanistischer Traum: Ich bin tot, aber mein Leben geht weiter.

Unsere einzige Verbindung zur neuen Welt: unser Account, Schlüssel zur Ewigkeit. Verlieren wir ihn, so stehen wir vor dem Fluss Styx, aber ohne die Münze, um die Überfahrt beim Fährmann zu bezahlen.

Bleiben wir beim Irdischen, beim Diesseitigen. Es klingt zunächst verlockend: Die materielle Welt ist schwierig zu organisieren. Disketten, USB-Sticks, Festplatten, schwierig in Ordnung zu halten, und garantiert dann nicht zur Hand, wenn man es braucht. Die Cloud, ewige und omnipräsente Gottheit, ist einfach immer da. Es sei denn natürlich, der suchende Mensch befindet sich in einem digitalen Entwicklungsland ohne flächendeckendes Internet, Haiti, Namibia, Bangladesch oder Deutschland. Ich mag es mir gar nicht ausmalen: Unterwegs in der kargen Prärie Brandenburgs, meine Daten und Dienstleistungen so nah und doch unerreichbar, mein Leben ausser Griffweite. Entmenschlicht, deindividuiert, seiner Vergangenheit beraubt. Machen wir uns nichts vor, verehrte Leserinnen und Leser: So lange uns selbst der Zugang zur Cloud verwehrt ist, werden wir auf ewig verdammt sein, von all unseren geliebten Daten getrennt zu sein, zurückgelassen im tristen Hier und Jetzt als billiger Avatar, der unsere wahre, binäre Entität in der Welt aus Fleisch und Dreck repräsentiert. Der Mensch erschafft den Garten Eden neu. Er hat aber vergessen, sich selbst einen Eingang einzubauen.

Verehrt – Ihr Strigalt von Entf

Zum Format

*Unser Format "Feuill-IT-ong" entsteht in Zusammenarbeit mit den freien Autoren Tobias Lauterbach und Daniel Al-Kabbani, die mitunter für die Satire-Plattform "Der Postillon" engagiert sind. Sie berichten unter dem Pseudonym Strigalt von Entf über aktuelle Geschehnisse aus der Welt der Technologie - natürlich immer mit einem Augenzwinkern! ;-)

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