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"Von maschineller Superintelligenz sind wir Jahrzehnte entfernt"

Egal ob für Privatpersonen oder für Unternehmen: Informatik ist ein wichtiger Bestandteil unseres Daseins geworden. Sie hilft uns dabei, Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen – von ganz kleinen im Alltag bis zu ganz grossen wie der Corona-Pandemie. Donald Kossmann, Leiter des Microsoft Research Lab, erzählt im Interview, wo die Chancen, Risiken und Grenzen der aktuellen Technologien liegen, wie er die Zukunft der Informatik sieht und warum sie gar nicht so kompliziert sein muss, wie es manchmal den Anschein macht.

Mit Donald Kossmann sprach Oliver Bosse

Sie betonen, dass in der Welt der Informatik lebenslangem Lernen besonders grosse Bedeutung beigemessen werden sollte – und zwar von uns allen, insbesondere Unternehmen. Warum?
Informatik und Digitalisierung betreffen heute wirklich jeden. Jeder soll vom technologischen Fortschritt profitieren. Hierzu muss jeder ein technologisches Grundverständnis haben und lernen, wie Computer heute funktionieren und helfen können.

Die Technologie verändert sich jedoch ständig und schnell. Deswegen reicht es nicht, einmal dieses Grundverständnis zu entwickeln und sich dann zurückzulehnen. Man muss ständig am Ball bleiben und ein Auge darauf haben, wie sich die Technologie entwickelt und in Zukunft entwickeln könnte.

Das lebenslange Lernen von Informationstechnologien gilt für Einzelpersonen, die sich in ihrem Beruf weiterentwickeln möchten oder auch Entscheidungen für die Nutzung von Technologie im Alltag wie die Wahl von Apps fürs Smartphone oder den Einsatz von Entertainment oder Sicherheitslösungen für die Wohnung fällen müssen. Es gilt aber auch für Unternehmen, gross wie klein, die Investitionsentscheidungen treffen müssen.

Sie haben das Buch „Wunder Informatik“ für Nicht-Informatiker*innen und Jugendliche geschrieben, das die wesentlichen Ideen und Konzepte der Informatik im Verlauf der Zeit beschreibt. Warum ist gerade bei diesem Thema ein niederschwelliger Zugang wichtig?
Informatik gilt nach wie vor als kompliziert, weshalb sich Menschen nicht mit ihr beschäftigen. Es gibt viele Missverständnisse, die dazu führen, dass Leute, die für die Informatik ungeeignet sind, Informatik studieren und, was fast noch schlimmer ist, dass Leute, die für die Informatik prädestiniert sind, Informatik nicht studieren. Deshalb bietet das Buch eine intuitive Einführung in dieses Fach mit vielen Alltagsbeispielen. Die Informatik macht nichts anderes als das, was Menschen schon seit tausenden von Jahren machen – auch ohne Computer. Die Informatik formalisiert diese Ideen nur, um sie mit Hilfe des Computers zu automatisieren. Durch diese Sichtweise und die Alltagsbeispiele möchte das Buch die Eintrittsschwelle senken und eine Grundlage schaffen, dass Nicht-Informatiker*innen und Jugendliche viel gelassener mit der Informatik und zukünftigen Entwicklungen umgehen können.

Können auch gestandene Informatiker*innen etwas aus dem Buch lernen?
Ich habe auch positives Feedback von Informatiker*innen bekommen, insbesondere zum Kapitel über künstliche Intelligenz. Die jüngsten, rasanten Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz überfordern sogar viele Informatiker*innen und das Buch bringt auch hier eine einfache Sichtweise anhand von Beispielen, die den Mythos künstliche Intelligenz entzaubert.

Die Technologie verändert sich jedoch ständig und schnell. Deswegen reicht es nicht, einmal dieses Grundverständnis zu entwickeln und sich dann zurückzulehnen.

Zuerst kam der Computer, dann das Internet und laut Ihnen besteht die nächste grosse Stufe aus den Themen Cloud und künstliche Intelligenz (KI). Wie bringen uns diese beiden Dinge einen entscheidenden Schritt weiter?
Aus meiner Sicht sind die Dämme der Informatik mit der Cloud so richtig gebrochen – und das spüren wir schon heute. Daten, die wir mit PCs und Smartphones oder im Web erfassen, wandern zunehmend in die Cloud. Dort haben wir praktisch unbegrenzte Möglichkeiten, die Daten zusammenzuführen und zu verarbeiten. Über die Cloud lassen sich auch die Erfahrungen beziehungsweise Daten mit anderen teilen, die daraus wieder lernen können.

Die Cloud und KI erlauben uns, viele Probleme mit Erfahrungen zu lösen. Ein geflügeltes Wort besagt, dass „kluge Menschen aus den Fehlern von anderen lernen.“ Genau das ermöglichen die Cloud und die moderne KI. Am Anfang der Corona-Pandemie haben westliche Regierungen, Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen von den Erfahrungen und Daten aus China gelernt. Heute lernen die handelnden Personen in China auch von den Erfahrungen, die wir im Westen gemacht haben. All das wurde durch den Datenaustausch in der Cloud – insbesondere in der Wissenschaft – möglich und die modernen KI-Methoden, die es uns ermöglichen, wissenschaftliche Auswertungen auf diesen enormen Datenmengen durchzuführen.

Sie sind auch überzeugt, dass insbesondere bezogen auf das Thema KI ein gegenseitiges Verständnis zwischen Informatiker*innen und anderen Berufsgruppen in Zukunft immer wichtiger werden wird. Warum?
Damit Informatiker*innen Beiträge zur Verbesserung der Abläufe der anderen Berufsgruppen leisten können, müssen sie ein Grundverständnis für deren Tätigkeiten mitbringen. Sie müssen also beispielsweise verstehen, wie eine Chirurgin arbeitet, um gezielt Technologieangebote zu entwickeln. Auf der Kehrseite muss die Chirurgin ebenso die wesentlichen Konzepte der Informatik – oder spezifisch der KI – verstehen. Die Chirurgin muss letztendlich entscheiden, welche Technologien sie wie einsetzt. Wahre Innovation entsteht in der Zusammenarbeit zwischen Informatiker*innen und Chirurg*innen.

Bei Microsoft müssen Sie gross denken. Das tun Sie auch mit Ihrer Vision, dass nicht nur die ganze Welt zum Computer wird, sondern es auch nur noch einen grossen Computer für alle gibt. Welche Überlegungen stecken dahinter?
Wir leben heute in einer Welt, in der alles verbunden ist. Hierdurch verschwimmen die Grenzen. Nehmen wir als Beispiel ein Auto. Ein Auto besteht aus mehr als 100 Computern; z.B. dem Benzin-Einspritzsystem, dem Navigationsystem, der Steuerung der Fensterheber usw. Diese Systeme sind verbunden und verschwinden im Gesamtkonzept „Auto“. Letztendlich nehmen wir das Autofahren als eine grosse, freudige Erfahrung wahr und vergessen die Komplexität der 100 Computer und sonstiger Technologie, die unter der Haube steckt. Genauso sollte Technologie sein.

Wenn wir gross denken, dann sollten wir vom Auto auf unseren Planeten schliessen. Wünschen wir uns nicht alle, dass unser Leben auf diesem Planeten eine einzige grosse, freudige Erfahrung ist? Und wir nur bei Bedarf, wenn etwas kaputt ist, uns die Komplexität der Teilsysteme anschauen müssen? Hierzu müssen wir die Welt programmierbar machen, so wie heute bereits ein Telefon oder ein Auto programmierbar ist.

Daten, die wir mit PCs und Smartphones oder im Web erfassen, wandern zunehmend in die Cloud. Dort haben wir praktisch unbegrenzte Möglichkeiten, die Daten zusammenzuführen und zu verarbeiten.

Könnte ein grosser Computer denn auch in der Lage sein, die grossen Probleme der Welt zu lösen – denken wir an Pandemien oder den Klimawandel?
Letztendlich kann nur der Mensch die grossen Probleme dieser Welt lösen. Es gibt keine Patentrezepte und der Mensch muss wie bei der Corona-Pandemie entscheiden, wie man die persönlichen Freiheitsrechte der Bevölkerung mit dem Schutz von Risikogruppen abwägt.

Doch der Computer und insbesondere die Cloud und die moderne KI oder der „Weltcomputer“ können wichtige Werkzeuge und Hilfsmittel für die Menschen sein. Wie bei der Corona-Pandemie können Computer bei der Bewältigung der Folgen des Klimawandels helfen, Erfahrungen zu verarbeiten und Entscheidungen vorzubereiten, damit der Mensch sich auf seine eigentliche Aufgabe, dem Stellen der richtigen Fragen und dem Fällen der bestmöglichen Entscheidungen anhand unserer Wünsche und Wertesysteme, konzentrieren kann.

Von den Chancen zu den Gefahren – wo orten Sie diese in Bezug auf Ihre Vision ein und wie lassen sie sich vermeiden? Mir fällt spontan der Begriff „Gläserner Mensch“ ein.
Wenn man über Big Data und die moderne, datenorientierte KI spricht, dann kommen zwangsläufig Bedenken über den Schutz der Daten, die diese Technologien antreiben. Je mehr digitale Daten wir haben, desto besser funktionieren diese Technologien und desto höher ist der gesellschaftliche und ökonomische Nutzen dieser Technologien. Doch je mehr digitale Daten wir sammeln, desto höher ist die Gefahr, dass diese Daten missbraucht werden.

Die Abwägung zwischen Nutzen und Gefahren insbesondere von modernen Informationstechnologien ist ein wesentlicher Grund, wieso Informatiker*innen und Nicht-Informatiker*innen zusammenarbeiten müssen und wieso Nicht-Informatiker*innen ein Grundverständnis für Informatik entwickeln müssen. Wie soll die Gesellschaft Entscheidungen über den Nutzen von Technologie fällen können, wenn sie den Nutzen und die Gefahren nicht versteht?

Die gute Nachricht ist, dass technischer Fortschritt auch helfen kann, um die Gefahren zu reduzieren und mehr Transparenz zu schaffen. Wir betrachten die Privatsphäre bei Microsoft als grundlegendes Menschenrecht. Hierzu hat Microsoft-Wissenschaftlerin Cynthia Dwork beispielsweise eine vielversprechende Technologie entwickelt, die "Differential Privacy" heisst. Diese Technologie beschränkt mathematisch, wie viel man aus den Ergebnissen von statistischen Auswertungen über die Daten lernen kann. Jeder Mensch kann somit selbst entscheiden, wie viel Privatsphäre er aufgibt und entsprechend, wie viel Nutzen aus seinen Daten gewonnen werden kann.

Je mehr digitale Daten wir haben, desto besser funktionieren diese Technologien und desto höher ist der gesellschaftliche und ökonomische Nutzen dieser Technologien. Doch je mehr digitale Daten wir sammeln, desto höher ist die Gefahr, dass diese Daten missbraucht werden.

Wo sehen Sie die soziale Verantwortung, die ein Unternehmen wie Microsoft als Leader bei der Entwicklung neuer Technologien wie der KI trägt und wie nehmen sie diese wahr?
Wir bei Microsoft sind uns bewusst, dass KI-Systeme sowohl für erwünschte als auch für unerwünschte Zwecke eingesetzt werden können und dass ihr Einsatz unbeabsichtigte Folgen haben kann. Da KI-Systeme immer ausgereifter werden und eine immer grössere Rolle im Leben der Menschen spielen, glauben wir, dass es unerlässlich ist, klare Prinzipien zur Entwicklung, Nutzung und Anwendung von KI-Systemen zu definieren. Nach unseren Leitlinien müssen sie fair, zuverlässig, privat und sicher, inklusiv, transparent und verantwortungsvoll sein.

Machen wir einen Schritt zurück. Wir haben viel von Visionen gesprochen. Wo in dieser Entwicklung stehen wir heute tatsächlich?
Im Laufe der Jahrzehnte sind die Ambitionen in Bezug auf die KI immer geringer geworden und die Technologie immer besser. Wir befinden uns jetzt im vierten ernsthaften Anlauf, die KI als Technologie nutzbar zu machen: Dieses Mal gibt es aber Hoffnung, dass die Erwartungen hinreichend heruntergeschraubt worden sind und die Informatik sich hinreichend weiterentwickelt hat, so dass wir wirkliche Ergebnisse von der KI erwarten dürfen. Doch von der Vision einer maschinellen Superintelligenz, die in manchen Hollywood-Filmen wie Terminator vermittelt wird, sind wir noch Jahrzehnte entfernt. Wir können einfache gezielte Aufgaben zum Beispiel in der Bilderkennung heute bereits maschinell lösen, doch die moderne KI ist einfach noch zu ineffizient, um an menschliche Intelligenz heranzukommen. Um bei der Bilderkennung zu bleiben, braucht der Computer für dieselbe einfache Aufgabe, zum Beispiel das Erkennen einer Katze oder eines Hundes in einem Foto, ca. 1000-mal mehr Energie als das menschliche Gehirn.

Wenn Sie einem Unternehmen einen Tipp geben müssten, welche Strategie es sich in Sachen Technologie einschlagen und wie es sich aufstellen soll, wie lautet dieser?
Satya Nadella hat mal gesagt, dass jedes Unternehmen zu einem Software-Unternehmen wird. Er meint damit, dass jedes Unternehmen ein Innovator im Bereich Digitalisierung werden muss. Um ein Beispiel zu nennen: 50 Prozent der Autopannen werden durch Softwarefehler verursacht. Doch insgesamt ist die Anzahl der Pannen über die Jahre zurückgegangen – Dank Software! Software verursacht Pannen – doch sie verhindert noch sehr viel mehr Pannen. Genauso wie die Autobauer*innen müssen auch Bäcker*innen und Chirurg*innen ständig überlegen, wie Digitalisierung ihre Produkte verbessern kann. Wenn sie es nicht tun, wird es der Konkurrent tun.

Zum Schluss: Sie haben in einem Interview einmal gesagt, eines Ihrer grössten Probleme als Forscher bestehe darin, das richtige Ziel zu definieren. Gibt es trotzdem eines, das Sie uns verraten können?
Mein grosses Ziel ist es, Technologie zu demokratisieren. Als Unternehmen ist unser grosses Ziel, dass unsere Kund*innen bestmöglich von allen Technologien – heute und in Zukunft – profitieren können. Wir stellen die Plattformen zur Verfügung, damit unsere Kund*innen so einfach modernste Technologien nutzen können, so wie man heute im Supermarkt Milch kaufen kann.

 

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Zur Person

Donald Kossmann (*1968) ist Distinguished Scientist und Director des Microsoft Research Lab in Redmond. Davor war der Deutsche in Lehre und Forschung tätig, zuletzt als Professor für Informatik an der ETH Zürich. Dass ihm die Vermittlung der Informatik ein Herzensanliegen ist, beweist sein Buch «Wunder Informatik», das Kinder und Jugendlichen die Welt der Informatik anhand vieler Alltagsbeispiele näherbringt.

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