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Deine dunkle Seite – der (Algo)rhythmus des Unbewussten II

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Algorithmen sind angeblich zu dem Zwecke ins Leben gerufen, uns Menschen zu beschützen vor dem Elend der Sucherei nach dem, was richtig ist für uns. Doch sie bergen ein dunkles Geheimnis. Achtung, mehrfacher Spoiler-Alarm.

von Strigalt von Entf*

Strigalt von Entf

Was bisher geschah:

Der brillante, doch von seinen Zeitgenossen unterschätzte Wortschmied Strigalt legte sich mit dem allgegenwärtigen und allwissenden Algorithmus der großen Film- und Serienstreamingdienste an. Tiefschürfend analysierte er die parallele, wenngleich zeitlich versetzte Anthropologie des Homo sapiens auf der einen und eben dessen Film- und Serienkonsum auf der anderen Seite. Der Algorithmus, der sich als omniszientes Orakel aufspielt, wird als Scharlatan entlarvt, der dem willfährigen Benutzer lediglich vorgaukelt, das zu wollen, was ihm angeboten wird. Doch ist das schon alles, oder steckt da noch mehr dahinter?

Was steckt wirklich hinter diesem Zahlengolem, geformt aus mathematischen Zeichen und Symbolen, angeblich zu dem Zwecke ins Leben gerufen, uns Menschen zu beschützen vor dem Elend der Sucherei nach dem richtigen Programm. Handelt er wirklich zu unserem Besten? Und in wessen Auftrag agiert er?

„Einfach!“, denken Sie nun sicherlich: „Hollywood! Silicon Valley! Wall Street!” Die großen Tech-Firmen, die Traumfabrik, sie wollen uns natürlich ihre Machwerke aufdrängen. So einfach? Nein, meine treuen Leserinnen und Leser, Ihren sonst messerscharfen Verstand keineswegs anzweifelnd muss ich Sie doch eines Besseren belehren. Nein, den Genannten ist es am Ende ja egal, bei welcher Serie Sie nun die strukturelle Integrität Ihres Couchpolsters unterminieren. Entgegen alter Versprechungen, dass das Streaming beständige Serien garantiere, die weiterlaufen, so lange Sie geguckt werden, ist das genaue Gegenteil der Fall. Die wenigsten Serien schaffen es bis in die dritte Staffel, drei neue drängen Ihren Piloten hingegen schon anbiedernd in die Schaufenster des „Neu auf Netflix!“. Egal, irgendwas davon werden die Leute schon verfolgen, bis die drei mal drei Nachfolgepiloten im Kasten sind.

Die großen Tech-Firmen, die Traumfabrik, sie wollen uns natürlich ihre Machwerke aufdrängen. So einfach? Nein.

Nein, der Algorithmus, augenscheinlich nur eine Aneinanderreihung mathematischer Rechenoperationen, ist viel mehr als das, geht viel tiefer – und ist Ihnen näher als gedacht. SPOILERALARM: Hier folgt nun die Verkündung eines Plot Twists, der es locker aufnehmen kann mit „The 6th Sense“, „Das Imperium schlägt zurück“ oder „Ödipus“! Lesen Sie dennoch ruhig weiter, denn nirgendwo anders werden Sie Folgendes erfahren:

SIE sind der Algorithmus!
(Dramatische Pause)
(Herzschlag)

Ja, Sie selbst. Besser gesagt, ein Teil von Ihnen. Er ist quasi Ihr Tyler Durden, der mit einem Koffer Seife auf dem Schoss plötzlich neben Ihnen im Flugzeug sitz (Achtung, das war schon wieder ein Spoiler). Der Urvater der Psychologie, Sigmund Freud, teilte die Seele des Menschen in drei Instanzen ein: Das Ich, sozusagen die Steuerfrau oder der Steuermann, entscheidet, bestimmt, muss abwägen. Es ist die Instanz, die wir als unsere Persönlichkeit wahrnehmen. Doch dieses Ich wird unablässig beeinflusst von zwei anderen Kräften. Da ist zum Beispiel das „Es“. Dabei handelt es sich nicht um einen dunklen Spinnenclown, der in der Kanalisation lebt (Achtung: Spoiler). Es handelt sich um unsere niederen Triebe, gesteuert von der Begierde auf Lustgewinn.

Das Es will alles, was dem kurzfristigen Gaudium dient, der Bedürfnisbefriedigung, nimmt dabei wenig Rücksicht auf die Zukunft, fragt nicht, ob es klug ist. Letztlich, erstaunte Tiefenanalysierte, ist der Algorithmus nur die zahlengewordene Manifestation dessen: noch eine Folge, immer weiter, immer weiter. Und mehr. Und Es weiß genau, womit es uns befriedigt, was wir sehen wollen. Noch mehr Drama, noch mehr Charakterentwicklung, noch mehr metaphilosophische Andeutungen in unseren Serien – und ja, auch die Fleischeslust nicht vergessen: Wenn wir eine Serie rund um die Eleganz, den Anmut und die Leidenschaft des Tangos gesehen haben, dann brauchen wir auch in der nächsten Serie noch rhythmischeren, noch wolllüstigeren Tanz.

Letztlich, erstaunte Tiefenanalysierte, ist der Algorithmus nur die zahlengewordene Manifestation dessen: noch eine Folge, immer weiter, immer weiter. Und mehr. Und Es weiß genau, womit es uns befriedigt, was wir sehen wollen.

Wir geben dem nach, denn, nun ja, wir sind alle eben auch schwach, aber es liegt nicht nur an uns. Denn es fehlt der ausgleichende Part, der die spirituelle Homöostase bringt: das Über-Ich. Die Instanz der Moral, des Guten, des Vorausschauenden. Wo, verehrteste Lesende, wo ist der Algorithmus, der uns nicht nur mit dem füttert, was wir bedenkenlos in uns reinstopfen, sondern der uns bewusst unsere Bildungslücken vorhält und diese schließt? Wo der Algorithmus, der uns daran erinnert, dass es nun genug Fernsehzeit ist? Wo der Algorithmus, der uns aufmerksam macht, dass wir zumindest noch den Müll rausbringen sollten, bevor wir uns in die unkeuschen Fänge der nächsten Folge begeben? Wo der Algorithmus, der uns auffordert, uns nun doch sanft unserem Partner zuzuwenden und ihn nach den Höhen und Tiefen des Tages zu fragen, anstatt fiktive Serienfiguren bei ihrem erfundenen Auf und Ab zu begleiten?

Das wäre wirkliche künstliche Intelligenz anstatt der künstlichen Triebsteuerung.

Das, liebe Sinnsuchende, das wäre wirkliche künstliche Intelligenz anstatt der künstlichen Triebsteuerung. Wann, geehrte Streaming-Dienste, ist es so weit? Dann werde ich gerne darüber nachdenken, mir endlich mein eigenes Abo zuzulegen.

Verehrt
Strigalt von Entf

Zum Format

*Unser Format "Feuill-IT-ong" entsteht in Zusammenarbeit mit den freien Autoren Tobias Lauterbach und Daniel Al-Kabbani, die mitunter für die Satire-Plattform "Der Postillon" engagiert sind. Sie berichten unter dem Pseudonym Strigalt von Entf über aktuelle Geschehnisse aus der Welt der Technologie - natürlich immer mit einem Augenzwinkern! ;-)

Noch mehr Drama, noch mehr Beiträge von Strigalt von Entf:

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