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Gamen gegen Oberflächlichkeit

Andrea Amstutz ist online andi686 – sie spielt Videospiele und zehntausende Menschen schauen ihr dabei zu. Damit ist sie eine der erfolgreichsten Gamerinnen und Entertainerinnen der Schweiz. Im Interview spricht sie über künstliche Intelligenz in Videospielen, Erfolgsdruck und Umgangsformen und mentale Gesundheit im digitalen Raum.

Mit Andrea Amstutz sprach Tobias Imbach

Wie sieht ein ganz gewöhnlicher Tag im Leben einer Streamerin aus?
Im Sommer anders als im Winter. In der kalten Jahreszeit streame ich deutlich mehr, da bin ich auch kaum draussen – die Kälte und ich, wir passen nicht zusammen. Ich nehme mir morgens gerne eine Stunde für mich, mit Kaffee, weg vom Bildschirm. Dann widme ich mich meiner «Büro-Arbeit» – ich update meinen Computer und bereite den Stream vor. Ich gestalte eigene Emojis, die ich dann einsetzen kann, bevor ich irgendwann im Verlauf des Tages die Kamera anschalte. Im Sommer bin ich tagsüber gerne in der Natur, ich helfe meiner Mutter im Garten – und streame meist nur abends.

Woran legst du deine Streaming-Zeiten fest? Pünktlich auf den Feierabend von möglichen Zuschauern?
Nein, ich richte mich nicht nach anderen. Ich habe mit dem Streamen begonnen, als ich noch einen regulären Job hatte. An den Zeiten habe ich seither nichts geändert.

Wie hast du mit dem Streaming angefangen?
Ich wollte einem Freund ein Spiel zeigen, zu dem ich einen Beta-Zugang hatte. Er wies mich auf die Plattform twitch hin, auf der dir andere Leute beim Spielen zuschauen können. Dort wollten wir uns treffen, damit er einen Einblick bekommen konnte. Bei diesem ersten Testlauf schaltete sich aber ein Fremder dazu, noch bevor sich mein Freund einloggte. Erst da verstand ich das Prinzip – und begann so, Leute rund um den Globus kennenzulernen. Ich fing an, regelmässig zu streamen, was ich spielte und ständig kamen neue Leute dazu. Gleichzeitig hatte ich bei meinem regulären Job ein Burnout, wonach mir mein Arzt ein Jahr Auszeit verschrieb. So investierte ich mehr und mehr Zeit ins Streaming, und der Austausch mit den Leuten, die mir zuschauten, half mir sehr.

Heute kannst du vom Streaming leben. Ist es für dich mittlerweile nur noch Arbeit?
Anfangs fühlte es sich nicht nach Arbeit an. Nachdem das Jahr Auszeit vorbei war, musste ich mich entscheiden, wie es weitergehen sollte – zurück in meinen Job wollte ich nicht, und ich konnte mich auch nicht dazu motivieren, mir einen neuen Job zu suchen. Gleichzeitig lief es immer besser beim Streamen – mehr und mehr Menschen schauten mir zu. Ich hatte grossen Respekt davor, diesen Weg einzuschlagen, doch ich wusste auch um die vielen Vorteile. Obwohl ich damit mein Geld verdiene, möchte ich nicht, dass das Gamen für mich an Leichtigkeit verliert. Ich streame nicht mit dem Ziel, Erfolg zu haben oder Sponsoring-Verträge an Land zu ziehen –dagegen sträube ich mich.. Ich möchte, dass Gamen weiterhin das Hobby ist, das es für mich immer war.

Aber ich nehme an, dein Umgang mit dem Gamen hat sich schon verändert?
Ja, früher war die Zeit viel beschränkter – ich zockte schon als Jugendliche viel, aber kaum mehr als drei Stunden pro Tag. Das ist heute anders, ich muss auch vor den Computer, wenn ich keine Lust drauf habe.

Nach welchen Kriterien suchst du Spiele aus, die du spielst?
Das hat sich auch verändert – ich bin sehr wählerisch geworden. Ich lasse mich inspirieren von Trailern und Messen und mir gefallen die grossen Spiele-Reihen Battlefield, Call of Duty und Halo. Aber ein Spiel wie Amazons neues MMO «New World» spiele ich nicht, auch wenn die ganze Gaming-Welt im Moment dafür brennt.

Wieso nicht?
Ich finde die Spielwelt schrecklich langweilig. Ausserdem hilft es nicht, dass ein Riesen-Konzern dahinter steckt. Geschäftlich würde es absolut Sinn machen, das zu spielen, aber ich bin schlicht zu unprofessionell, um da Profit daraus zu schlagen.

Twitch

twitch.tv ist ein Live-Streaming-Videoportal. Sie dient primär der Übertragung von Videospielen. 2010 gegründet, verzeichnet das Portal mittlerweile drei Millionen monatliche Broadcasters und über 15 Millionen aktive User pro Tag.

Broadcaster verdienen mittels Abonnenten, Werbung, Spenden, Sponsorenverträge, Affiliate-Einnahmen und Merchandise Geld. Dafür zahlen die User der Plattform eine Nutzungsgebühr. Seit 2014 gehört twitch zu Amazon.

Wie machen das andere Streamer?
Die haben hunderttausende Zuschauer, die gleichzeitig online sind. Leider bringt das auch viele Streamer dazu, ihre Follower mit falschen oder nicht ganz fairen Methoden anzulocken. Sie versprechen Give-Aways wie In-Game-Items und treiben Ihre Viewer-Zahlen so in die Höhe.

Was machst du, damit die Zuschauer dranbleiben?
Ich möchte einen realen Stream machen, Persönlichkeit zeigen – ich will nicht um jeden Preis mehr Leute in meinem Channel, nur um festzustellen, dass die überhaupt nicht auf meiner Wellenlänge sind. Zu meinem Glück habe ich unter meinen Zuschauern einige Leute, die ich mittlerweile als Freunde schätze und die mir treu folgen.

Schaust du bei anderen auch zu?
Ja, regelmässig…

Was motiviert dich dazu?
Ich bin ein Lurker, jemand, der still zuschaut. Ich bin am PC, wenn ich neue Emojis bastle, habe im Hintergrund einen Stream laufen und werfe hin und wieder einen Blick drauf. Das ist vergleichbar mit jemandem, der ein Radio anschaltet, und passiv zuhört – zudem unterstütze ich dabei gleichzeitig jemanden. Wenn man selbst streamt, gehört das glaube ich dazu.

Du ziehst es vor, gegen menschliche Spieler zu spielen … wieso nicht gegen AIs?
Es gibt AIs, die herausfordernd sind, und die dir keine Chance lassen, wenn du sie auf die höchste Stufe stellst. Aber schlussendlich bleibt das Spiel gegen menschliche Spieler herausfordernder, und das Erfolgserlebnis ist grösser, wenn du weisst, dass du gegen Menschen gewonnen hast.

Schlussendlich bleibt das Spiel gegen menschliche Spieler herausfordernder, und das Erfolgserlebnis ist grösser, wenn du weisst, dass du gegen Menschen gewonnen hast.

Auch in Multiplayer-Spielen begegnest du künstlicher Intelligenz … wie nimmst du diese wahr?
Die Technologie ist heute weit fortgeschritten, gerade punkto Variation im Antwortverhalten und bei der Kommunikation zwischen AI und Spieler. Spiele waren früher einfacher und schwieriger zugleich – das lag aber nicht an der AI. Entwickler versuchen heute, den Einstieg in ein Spiel so einfach wie möglich zu machen, denn zu schwierige Spiele schrecken potenzielle Kunden ab. Die AI wird also absichtlich limitiert. Das wiederum ärgert Profis – das Gaming und Handling werden so sehr vereinfacht, dass echtes Können nicht mehr gefragt ist.

Wie wichtig ist dir, dass du im Spiel besser bist als andere?
Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem ich stets besser war als andere, einfach durch rein motorische Fähigkeiten. Das ist bei kompetitivem Gaming anders: Im Internet gibt es unzählige Hilfestellungen. Mit genug Aufmerksamkeit und Geduld kann man sich hier gut zum Profi entwickeln. Das fordert mich heraus. Beim Gamen möchte ich mich aber auch als Frau behaupten. Wenn ich verliere, bekomme ich schnell frauenfeindliche Sprüche zu hören. Das geht natürlich gar nicht, doch es motiviert mich auch, es diesen Halbstarken zu zeigen: Schon nur deswegen muss ich gewinnen.

Inwiefern spielt das Geschlecht beim Streamen eine Rolle?
Es gibt immer mehr Frauen auf twitch – sie zeigen sich oft halbnackt, manche chatten nur und haben kaum Interesse am Gaming. So lässt sich halt durchaus Geld verdienen. Das schadet dann allen Gamerinnen, die wegen solcher Fälle nicht ernst genommen werden. Eigentlich müsste ich mich dann erst recht beweisen. Leider spiele ich unter Druck nicht unbedingt besser.

Das klingt alles nicht gerade nach sensiblem und rücksichtsvollem Miteinander …
Ja, eigentlich bin ich die falsche Person für das, was ich mache. Man muss abgehärtet sein, es gibt immer Leute, die aus Langeweile gemein sind. Zudem ist die Online-Welt oft sehr oberflächlich – und doch bewege ich mich in dieser Welt, in der Oberflächlichkeiten vorherrschen. Diese Welt ist wirklich schwarz oder weiss. Als Streamerin muss man hübsch aussehen, als männlicher Streamer muss man entweder superstark sein oder witzig. Das ist eine Fake-Welt, an der früher oder später viele zerbrechen. So auch ich. Ich kenne auch kaum Streamer, die nicht ein Burnout hatten oder in Depressionen gefallen sind. Weil sie nicht in diese Welt passen.

Grosse Streamer hätten eine echte Verantwortung, aber oft nehmen sie die nicht wahr. Viele könnten mit ihrer Reichweite die Welt verändern.

Wie gelingt es dir, dich bei diesem Verhalten im digitalen Raum zu behaupten?
Ich habe unzählige Zettelchen neben meinem PC mit Botschaften, die mir durch den Tag helfen. Aber ich kann mich nicht gegen alle Einflüsse wehren. Da ich zum Beispiel kaum Make-Up trage, sehe ich auf meinen Aufnahmen im Bildschirm-Licht oft recht übernächtigt aus, obschon ich in echt nicht so aussehe. Ich frage mich nun, ob ich dem entgegen wirken soll – mit Filtern oder Make-Up. Solange ich das publik und transparent mache und auch kommentiere, hat das schon auch sein Gutes. Aber ich kämpfe echt damit, und viele im Gaming-Umfeld haben ähnliche Schwierigkeiten und teilen ihre Gedanken. Da kommen viele bestärkende und positive Nachrichten zusammen.

Überwiegt für dich denn das Positive? Oder hast du auch schon überlegt, aufzuhören?
Das habe ich. Aber es würde mir sehr schwer fallen, gerade wegen der Menschen, die mir folgen. Grosse Streamer hätten eine echte Verantwortung, aber oft nehmen sie die nicht wahr. Viele könnten mit ihrer Reichweite die Welt verändern. Zumindest mich würde eine grosse Followerschaft zusätzlich motivieren, Gutes zu tun und positiven Einfluss zu nehmen.

Hast du auch schon Follower verloren?
Als ich meine Depressionen offen zeigte, habe ich einige Leute verloren. Ich habe diese Krankheit auch lange nicht ernst genommen, bis ich selbst darunter litt. In diesem schwarzen Loch hat man sich nicht mehr unter Kontrolle, die ganze Wahrnehmung ist vergiftet. Selbst positive und freundschaftliche Nachrichten lösten negative Gefühle bei mir aus. Rückblickend habe ich es nicht verdient, dass mir so viele Leute treu geblieben sind. Ich habe mich sehr feindselig verhalten – es ist für mich unbegreiflich, dass sich so viele Menschen nicht davon haben täuschen lassen. Aber zu der Zeit habe ich sicher 200 regelmässige Zuschauer verscheucht, die auch nicht wieder gekommen sind. Das tut mir im Nachhinein sehr leid. Nun hoffe ich, dass ich durch diese Erfahrung etwas gelernt habe und Leuten, die Ähnliches durchleben, mit Hilfe oder Verständnis entgegentreten kann.

Du scheinst an einem Punkt zu sein, an dem du nichts mehr verbergen willst …
Ja, ich gebe alles preis – oft machen das im Internet nur Leute, die anonym sind.

Und mit deiner Art des Streamings verdienst du Geld … was tust du, um dran zu bleiben?
Ich will es nicht erzwingen, aber ich hab die Hoffnung, dass viele Menschen auf twitch sind, die Ehrlichkeit schätzen. Ich möchte mich nicht verstellen, nicht auf die Fake-Seite wechseln. Wenn es kippt, scheue ich mich nicht davor, einen neuen Job zu suchen. Aber im Moment motiviert die Gewissheit, dass es ganz viele Leute gibt, die sich alleine fühlen, und die sich auf twitch finden können. Dort fühlen wir uns verstanden.

Wie fühlst du dich denn in der Welt weg vom Bildschirm, draussen?
Ironischerweise empfinde ich die Welt da draussen oft auch als sehr oberflächlich und irgendwie nicht real. All diese Menschen, die dauernd ins Handy starren… doch es gelingt mir zum Glück, sowohl in dieser echten und in der Online-Welt Menschliches und Echtes zu finden.

Zur Person

Die 33-jährige Andrea Amstutz aus dem Kanton Zürich ist professionelle Gamerin – und damit eine Ausnahme in der Schweiz. Unter dem Pseudonym Andi686 spielt sie jeden Aben Shooter-Games, filmt sich dabei und zeigt das der Welt – auf der Streaming-Plattform twitch folgen ihr fast 70'000 Menschen. Damit verdient sie rund 3’000 Franken pro Monat.

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