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"Vorschlag nur für Sie" – der (Algo)rhythmus des Unbewussten

Key Visual Feuill-IT-ong

Es ist eine dieser tief im kollektiven Menschheitsbewusstsein verankerten Fragen, eine Frage der Suche, der Orientierung; die Antwort entscheidet über Seelenheil, Wohlsein, Trauer oder Lachen und insbesondere über den Neigungsgrad des Haussegens. Die Frage lautet: „Was läuft denn heute im Fernsehen?“

von Strigalt von Entf*

Strigalt von Entf

Der enormen Tragweite und Bedeutsamkeit dieser Frage zum Trotz muss ich doch vielleicht für die ganz jungen, sinnsuchenden Leserinnen und Leser ganz kurz erläutern: Ja, es gab eine Zeit vor dieser Zeit, in der es nicht das reich bestückte Füllhorn an kurzweiligen Serien und Filmen diverser Streaming-Anbieter gab, aus dem man sich jederzeit nach Lust und Laune bedienen konnte. In dieser aus heutiger Sicht vielleicht düster anmutenden Zeit gab es ein für einen bestimmten Zeitpunkt fix umrissenes Angebot an Ausstrahlungen, die man sehen konnte. Anfangs sogar nur zwei oder drei Programme, später etwas mehr. Aus diesem musste man auswählen, ja oder man ließ den Fernseher einfach im verdienten Ruhezustand schlummern.

Ihnen, verehrteste Zeilenverschlingerinnen und Zeilenverschlinger, muss ich mitnichten erklären, warum dies eine treffende Metapher für die Menschheitsentwicklung selbst ist: Unsere Urvorfahren mussten mit dem wenigen, was die Natur Ihnen darbot, zurechtkommen. Mit der Zeit vergrößerte man das trotzdem noch begrenzte Angebot, bis dieses nun unsere Bedürfnisse um Längen überholt hat, sodass der homo sapiens inzwischen vor allem ein homo dialektos geworden ist – ein ständig auswählender. Brauche ich die neueste Smartphone-Generation? Ist meine Frühherbst-Kollektion noch en vogue, oder muss ich dringend den Spätherbst-Supersale mitnehmen? Wird sich der Thermomix mit dem Pürierstab, dem Teigkneter und dem Universalzerkleinerer in der Küche vertragen? Und immer die Frage: Was von alledem brauche ich eigentlich?

Abhilfe schafft der Anbieter selbst, indem er seinen treuen Betrachtern kurzerhand das aus dem umfangreichen Gesamtmenü vorschlägt, was wohl am besten zu ihnen passt. Die ehrenvolle Aufgabe, dies herauszufinden, übernimmt ein Algorithmus.

Schön, möchte man meinen, wäre es, hätte man einen Helfer an seiner Seite, der einen mit Rat und Tat dabei unterstützt, das auszuwählen, was man wirklich will. Das bringt uns doch wieder zum Erben des linearen TVs zurück: den Streaming-Diensten, deren Angebot in einer wöchentlichen Fernsehzeitung darzustellen ein ähnlich aussichtsreiches Unterfangen wäre, wie mit einer Lanze bewaffnet auf einem in die Jahre gekommenen Ackergaul Windmühlen zu bekämpfen. Abhilfe schafft der Anbieter selbst, indem er seinen treuen Betrachtern kurzerhand das aus dem umfangreichen Gesamtmenü vorschlägt, was wohl am besten zu ihnen passt. Die ehrenvolle Aufgabe, dies herauszufinden, übernimmt ein Algorithmus, den ich am einfachsten folgendermaßen erläutern kann:

Der tapfere Held kommt geschunden von seinen Abenteuern des Alltags in seinem Heimathafen in Ithaka an. Dort sucht er nun nach kurzweiliger Zerstreuung, doch er weiß nicht, welcher Müßiggang ihm am wohlsten täte, so entschließt er kurzerhand, sich an das Orakel von Delphi zu wenden (die Strecke von Ithaka nach Delphi überbrücken wir in diesem Beispiel der Erzählbarkeit wegen mit einer Zoom-Konferenz). Das Orakel von Delphi, von geistanregenden Heilkräuterdüften umwabert, fragt nun kurzerhand unseren unerschrockenen Freizeitwilligen, was er denn in der Vergangenheit bei solchen Gelegenheiten getan hat. Nach kurzem Bericht schlägt das hellsichtige Fabelwesen dann Tätigkeiten vor, die den genannten sehr ähnlich sind, aber vor allem mit Aktivitäten, die vom Hause Delphi selbst angeboten werden oder gerade einfach aktueller Trend sind. Um ihre Weissagung glaubwürdiger zu machen, würfelt das Orakel noch einen Zahlenwert, der die Passung der vorgeschlagenen Firlefanzereien numerisch ausdrückt. Wunder, Staunen, Gottpreisung!

Der Streaming-Dienst tut so, als würde er mich kennen, meine tiefsten, inneren Gefühle. Doch ist die Freundschaft platt, flach, eindimensional.

Aber halt: was für ein psychologischer Taschenspielertrick! Einfach das vorschlagen, was man bekanntlich mag? „Du hast gestern Pizza Quattro Stagioni gegessen – probier doch auch Pizza Schinken-Champignon!“ Wie soll ich mich als Mensch da weiterentwickeln, wenn mir mein Lebtag nichts mehr anderes als Pizza angeboten wird? Zumal alles von dieser ersten Entscheidung abhängt. Der erste Eindruck – im echten Leben schwierig zu korrigieren, auf Netflix nimmermehr. Einmal franko-kanadisches Actiondrama mit transsexueller Martial-Arts-Weltmeisterin in der Hauptrolle, immer franko-kanadisch, oder Action, oder Drama, oder Transsexualität oder Martial Arts.

Der Streaming-Dienst tut so, als würde er mich kennen, meine tiefsten, inneren Gefühle. Doch ist die Freundschaft platt, flach, eindimensional. Er kennt mich gar nicht wirklich, weiß nicht über die Vielfältigkeit meiner Person, beachtet nicht meine aktuelle Gefühlslage. Ja, wann hat Netflix mich zuletzt gefragt, wie es mir denn geht, bevor es gleich „zur Sache“ ging, bevor ich gleich die richtigen Knöpfe drücken sollte, um in einem körperlichen Binge-Marathon alles mit mir machen zu lassen, was der Algorithmus mir zu wünschen auferlegt hat. Dabei wäre das doch etwas: „Wie war Dein Tag? Oh, frustrierend? Wie wäre es dann heute mit etwas Heiterem… Du hast heute viel über die Welt nachgedacht? Hier ein tiefsinniges Psychodrama basierend auf Descartes wahrheitsskeptischer Erkenntnistheorie.“

Der Algorithmus benutzt mich nur, sucht mehr Selbstbestätigung in meinem Auswahlverhalten.

Nein, der Algorithmus ist an meinem wahren Innenleben doch gar nicht interessiert. Er benutzt mich nur, sucht mehr Selbstbestätigung in meinem Auswahlverhalten: „Na, wie war ich, Schatz? Du konntest ja gar nicht genug kriegen von meiner Serienempfehlung.“

Doch. Doch, das macht auch etwas mit uns. Aber dazu – verehrte Binge-Lesende dieser bescheidenen Zeilen – kommen wir erst beim nächsten Mal. Hier wartet nicht bereits die nächste Folge nach einem kurzen, überspringbaren Intro. Hier gilt wie früher: „Schalten Sie in einer Woche wieder ein, wenn es heißt: Strigalts Feuill-IT-ong!“

Bis dahin verehrt
Strigalt von Entf

Zum Format

*Unser Format "Feuill-IT-ong" entsteht in Zusammenarbeit mit den freien Autoren Tobias Lauterbach und Daniel Al-Kabbani, die mitunter für die Satire-Plattform "Der Postillon" engagiert sind. Sie berichten unter dem Pseudonym Strigalt von Entf über aktuelle Geschehnisse aus der Welt der Technologie - natürlich immer mit einem Augenzwinkern! ;-)

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